Das bessere Plastik ist ein Gras

Es ist ein sehr hartes Holz, wird durch sein leichtes Gewicht gerne als Baumaterial verwendet und findet sich auch in Parkettböden und Schneidebrettern wieder. Die Rede ist jedoch nicht von einem Baum, sondern einem Gras. Bambus.

Bambus ist eine Pflanze, die immer häufiger in Gärten hübsch anzuschauen ist und für einen gewissen asiatischen Touch sorgt. Doch Bambus ist gleichzeitig ein Rohstoff, der zur Zeit immer mehr an Bedeutung gewinnt. Vielleicht sogar als Alternative zu Plastik?

Bambus, oder Bambusoideae, gehört zu einer der zwölf Unterfamilien der Süßgräser. Die vielen Arten treten rund um den Äquator natürlich auf und sind die mit am schnellsten wachsenden Pflanzen der Welt. Der Rekord liegt bei 91cm pro Tag, so kann Bambus, je nach Art, bereits nach circa ein bis drei Jahren ausgewachsen sein und geerntet werden. Zudem ist er sehr widerstandsfähig und benötigt auf Grund dieser Tatsache kaum Düngemittel, Pestizide oder eine künstliche Bewässerung.

Grundsätzlich unterscheidet man bei Bambus in drei Unterarten: Arundinarieae, Bambuseae und Olyreae, wovon die ersten beiden verholzende und die letztere eine krautig wachsende Pflanze ist. Dabei sind nur die verholzenden Sorten für eine industrielle Verarbeitung geeignet.

Dabei gibt es bei der Wuchsform und dem Aussehen ebenfalls viele Unterschiede. Zum Beispiel sind zwei der beliebtesten Gartenpflanzen einmal der Flachrohrbambus (Phyllostachys) und der Schirmbambus (Fargesia). Die grundlegende Unterschied liegt hier bei der Länge der Rhizome, der Wurzelstöcke. Während der Schirmbambus kurze Ausläufer bildet und kompakt wächst, bildet der Flachrohrbambus lange Ausläufer und verteilt sich somit auf einer größeren Fläche.

Quelle: MSG
Quelle: MSG

Auch das Aussehen, je nach Sorte, kann stark variieren. So gehören die unten abgebildeten Bambusse alle zur Art des Flachrohrbambus, sehen jedoch unterschiedlich aus.

Von Links: Phyllostachys vivax 'Aureocaulis', P. aureosulcata, P. bissetii und P. nigra // Quelle: MSG
Von Links: Phyllostachys vivax ‘Aureocaulis’, P. aureosulcata, P. bissetii und P. nigra // Quelle: MSG

Den größten Vorteil hat Bambus bei seinem schnellen Wachstum. Nicht nur, dass er nach – in Relation zu Bäumen gesehen – kurzer Zeit geerntet werden kann, die höhere Wachstumsrate bindet zudem auch mehr C02 als Bäume und erzeugt mehr Biomasse. Darüber hinaus stirbt die Pflanze bei der Ernte nicht ab, denn aus der Wurzel bilden sich immer wieder neue Bambusstränge.

Kein regionaler Rohstoff

Der bisher weltweit wichtigste Lieferant von Bambus ist China, dort sind mitunter die besten Voraussetzungen für den Anbau von Bambus gegeben. Die Tatsache, dass Bambus in Europa nicht natürlich vorkommen kann bzw. dass das Klima für einige Sorten nicht ideal ist, beschert der Bambusproduktion einen Nachteil: der Transportweg. Er ist in Europa kein regionaler Rohstoff und ist somit immer mit C02-Ausstoß durch den Transport verbunden. Auch ist in einem Land wie China fraglich, wie Sozialstandards beim Anbau und Abbau von Bambus gehalten werden.

Jedoch ist der Anbau von Bambus bisher wenig industrialisiert, weswegen Bauern in China noch kleine Mengen anbauen und selbst ernten, wie Walter Scheufele, Vorstandsmitglied des Vereins Bamboo Technology Network Europe und Bambusexperte, sagt. Im Interview mit utopia.de prophezeit er außerdem, das Äthiopien China in Zukunft Konkurrenz machen könnte. Der Bambusanbau wird dort zur Eindämmung der sich ausbreitenden Wüste voran getrieben. „Der Bambusanbau wird dort Arbeitsplätze schaffen, die es bisher nicht gab“, erklärt Scheufele.

Bambus als Alternative für Plastik?

Bambus ersetzt bereits in einigen Bereichen den Einsatz von Plastik. Außerdem ist er Ausgangsstoff für Bioplastik. Zwar versauern durch das Fehlen von Düngemittel beim Anbau von Bambus bei dieser Ausgangslage für Bioplastik nicht die Böden, dabei ist jedoch zu beachten, dass die Entsorgung von Bioplastik laut Umweltbundesamt deshalb schwierig ist, weil Hersteller seit Ende 2012 nicht mehr dazu verpflichtet sind, Verpackungen aus Biokunststoffen wieder zurück zu nehmen. Somit landet das Bioplastik bisher noch zusammen mit Mischkunststoffen in der Müllverbrennung, da die Mengen an entsorgten Biokunststoffen noch zu gering sind, als dass sich ihre sortenreine Trennung wirtschaftlich lohnen würde.

Als Rohstoff bietet Bambus einen entscheidenen Vorteil gegenüber Plastik: Es ist biologisch abbaubar, kann also auch kompostiert werden. Zudem gibt es bereits ganz konkrete Alternativen wie beispielsweise Zahnbürsten und Wattestäbchen aus Bambus. Einer der größten Anbieter ist hier das Unternehmen Hydrophil, das nach eigenen Angaben wasserneutrale, vegane und faire Produkte anbietet.

Bambuszahnbürsten

Des Weiteren gibt es bereits einige Coffee to go Becher Varianten aus Bambus auf dem Markt, da ihre Plastikschwestern pro Jahr allein in Berlin 170 Millionen Mal verbraucht werden.

Eine weitere sinnvolle Alternative bieten Strohhalme aus Bambus. Diese sind robust, langlebig und – für den Verbrauchen nicht ganz uninteressant – spülmaschinenfest. Genau diese Eigenschaft machen sie auch zu den klaren Gewinnern im Gegensatz zu Plastikstrohhalmen, die nach einmaligem Gebrauch in den Müll wandern.

Bambus als Frischfaserersatz

Die Nachhaltigkeit von Bambusfasern haben sich auch Simon Jost und Karsten Lutz von Smooth Panda zu Nutze gemacht. Sie stellen Toilettenpapier und bald auch Taschentücher aus Bambus her und wollen damit eine Alternative zu Frischfaser-Papier auf dem Markt anbieten – ganz ohne Plastikverpackung, sondern im Recyclingkarton verschickt. Ihre Fasern beziehen sie aus der Bambusart Sinucalamus Afinis, da die Kombination von kurzen stabilen und weichmachenden Fasern für ihre Toilettenpapierherstellung am geeignetsten ist. „Die Grundstruktur ist immer die selbe, es geht im Grunde also nur darum wie hart oder weich der Bambus ist“, so Simon Jost im Gespräch mit No plastic please.

Gemisch aus Synthetik und Natur – immer die schlechtere Wahl?

Im Grunde würden Simon Jost und Karsten Lutz ihre Beziehung zu Bambus als „emotional“ beschreiben, auch wenn sie bei einigen Alternativen aus Bambus kritisch sein können. Zum Beispiel sind aus der Sicht von Jost Bambuswindeln mit Plastikverschlüssen „Augenwischerei“ und auch bei T-Shirts ist auf Grund der Viskose nicht alles so grün wie auf den ersten Blick aussieht. Denn tatsächlich spielen viele Hersteller gerne mit dem grünen Image von Bambus obwohl hinter den verwendeten Fasern entweder sogenannte Polymilchsäuren (PLA), Cellulose-Fasern oder Polyesterfasern stecken, denen mit Aktivkohle-Partikeln zu neuen Funktionen verholfen wird. Verbaucher sollten also bei den Inhaltsstoffen besonders aufmerksam sein.

Nichts desto trotz sind Verbundstoffe nicht immer etwas schlechtes: „Wir lieben Bambus, auch in Verbundstoffen, die zwar mit Kunststoff vermischt sind aber langlebig sind“, so Simon Jost.

Der Überzeugung ist auch das Team von Bionatic, ein Unternehmen, das Bioverpackungen vertreibt. Im Interview verrät uns Annika Höpfner, Junior Marketing Managerin bei Bionatic, dass Verbundstoffe vor Allem für die mehrfache Verwendung von beispielsweise Bechern von Vorteil sein können. Die in ihrem Sortiment angebotenen Becher aus Bambus sind zu 70% biobasiert. Dabei wären zu 100% biobasierte Becher denkbar, „aber nur unter dem Verlust der Mehrwegeignung“, so Höpfner.

Halbwegs regional ist der nächste Schritt

Auf die Frage hin, wie es um die Nachteile von Bambus aus der Sicht der Gründer von Smooth Panda steht, war es schwierig für sie etwas zu finden, was nichts mit den Transportwegen zu tun hat.

Und noch mehr: Simon Jost und Karsten Lutz haben die Vision vielleicht in Zukunft Bambus in Norditalien anzubauen. Gespräche mit ihrem Hersteller in China gab es zwar bereits, machbar wäre es laut ihren Angaben auch, jedoch bräuchte es für diesen Plan steigende Kundenzahlen. Der Wunsch dahinter ist es, den „Big Playern“ das Potenzial dieser Pflanze zu zeigen. Und wer weiß, vielleicht gibt es in näherer oder ferner Zukunft dann auch „regionale“ Bambusfasern.

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